Year in Review 2025
vom 03.02.2026Seit drei Jahren kämpfen wir gemeinsam für eine Welt, in der Frauen sich solidarisch zusammenschließen, um sich gegenseitig bei einem Weg in ein selbstbestimmtes und freieres Leben zu unterstützen. Dass letzte Jahr war voller Höhen und Tiefen; denn auch wenn wir viele Erfolge verzeichnen konnten, wurden wir immer wieder mit großen Herausforderungen konfrontiert.

Im Juni wurde bekannt gegeben, dass der Fond Sexueller Missbrauch rückwirkend gestoppt wird und somit keine Erstanträge ab Mitte März mehr bewilligt werden. Die dafür vorgesehenen Gelder seien aufgebraucht und die jetzige Bundesregierung wird den Fond auch zukünftig nicht weiterführen. Dieser Wegfall hat nicht nur die Betroffenen im Stich gelassen, sondern auch uns als Lila Hilfe vor große Herausforderungen gestellt. Die Unterstützungsfallanfragen sind seitdem deutlich angestiegen und wir mussten auffangen, für was sich der Staat ursprünglich verantwortet hatte – und das bei einem Bruchteil der finanziellen Mitteln, die diesem zur Verfügung stehen.
Ende des Jahres wurde das Debanking der Roten Hilfe und anderer linker und antifaschistischer Organisationen bekannt – was eine enorme Bedrohung auch feministischer und nicht-staatskonformer Solidaritätsorganisationen bedeutet. Unsere Perspektive darauf findet ihr hier. Wir stehen solidarisch an der Seite von Organisationen, die sich gegen Faschismus, Rassismus und staatliche Repression einsetzen.
Beide Ereignisse haben erneut deutlich gemacht, dass wir uns nicht auf Kreditinstitute und staatliche Strukturen verlassen können; es erscheint uns nur als eine Frage der Zeit, bis weitere Angriffe auf linke, feministische und emanzipatorische Organisationen stattfinden. Für uns ist klar, dass wir eigene, solidarische Strukturen aufbauen und stärken müssen – das war die Gründungsidee der Lila Hilfe. Wir müssen uns aktiv zusammenschließen und aufhören, unser privates und politisches Leben getrennt voneinander zu denken.
Wir beginnen diesen Jahresrückblick also mit einem ernsten Aufruf: Macht euch miteinander stark, sammelt eure Kraft, organisiert euch bei uns, und seid Teil des Kampfes für ein besseres Leben!
Eine starke Basis für Solidarität
Wir konnten weiter wachsen, wenn auch weniger im Vergleich zum vorherigen Jahr. 2025 konnten wir 83 neue Mitglieder in der Lila Hilfe willkommen heißen; 52 ordentliche und 31 Fördermitglieder. Insgesamt sind wir mittlerweile 175 ordentliche und 98 Fördermitglieder – das sind insgesamt 273 Mitglieder, die sich solidarisch für den Kampf gegen Gewalt an Frauen stark machen. Die Mitgliedsbeiträge und die Mitgliederbasis ist die Grundlage für die verlässliche finanzielle Unterstützung für die Frauen, die bei uns anfragen.
Das Ziel der Lila Hilfe für die Zukunft ist es weiter zu wachsen und die finanzielle Basis unserer Arbeit zu stärken. Die Unterstützungsfallanfragen steigen stetig an, unter anderem, weil andere Unterstützungsstrukturen weggefallen sind, aber auch, weil wir bekannter werden als eine der wenigen Strukturen, die niedrigschwellig und solidarisch mit allen Frauen ist, die sich an uns wenden. Damit die Lila Hilfe und ihre Aktiven das langfristig stemmen und nachhaltig Unterstützung leisten können, müssen wir größer werden.
Solidarität in Zahlen: Finanzen
Im letzten Jahr haben wir in fast jedem Monat mehr Geld für Unterstützungsfälle ausgezahlt, als wir über die Mitgliedsbeiträge eingenommen haben. Das war uns aufgrund der zahlreichen Spenden möglich, die wir im letzten Jahr erhalten haben. Ein riesiges Dankeschön an alle, die gespendet, geteilt, weitererzählt oder Soli-Veranstaltungen für die Lila Hilfe veranstaltet haben. Dennoch sind wir auf eine stabile Mitgliederbasis angewiesen, da Spenden von Monat zu Monat schwanken und daher keine verlässliche Grundlage für langfristige Planung bieten. Seitdem es die Lila Hilfe gibt konnten wir in diesem Jahr die 60.000€ knacken: Insgesamt haben wir in einer Höhe von 60.712,16 € unterstützt. Davon allein 38.797,95€ im Jahr 2025.
Solidarität in der Praxis: Unsere Unterstützungsarbeit
2025 haben sich über 200 Frauen an uns gewandt, manche zum zweiten oder bereits zum dritten Mal.
Wie einige von euch bereits wissen, haben wir eine finanzielle Staffelung bei der Unterstützung. D.h. wir zahlen je nach Höhe der notwendigen Mittel (höhere Anwaltskosten oder ein Haufen Schulden durch Gerichtsprozesse) einen höheren Anteil. Wie viel wir dann anteilig auszahlen nach unserer Staffelung richtet sich nach unseren finanziellen Kapazitäten und wird von Zeit zu zeit angepasst, wenn wir mal mehr Geld haben, oder eben weniger, weil sich viele Betroffene melden und wir aber nicht in gleichem Maße neue zahlende Mitglieder dazugewinnen. In diesem Jahr haben wir die Staffelung beibehalten, haben jedoch zeitweise unsere Bearbeitungsdauer etwas erhöht, da wir nicht so viele Unterstützungsfälle auf einmal auszahlen konnten.
Im Jahr 2025 konnten wir unsere zweite Spendenkampagne für eine Betroffene mit enormen Schulden erfolgreich zum Ende bringen. Wir konnten über die öffentliche Spendenkampagne 1770€ sammeln und haben für Lisa auf 2000€ aufgerundet. Einen ausführlicheren Bericht dazu findet ihr hier.
Wir haben viele Anfragen für Unterstützung bekommen, weil andere Strukturen die Frauen nicht unterstützen konnten oder wollten. Darunter fielen auch viele Fälle, in der die Gewalt weit zurückliegt, aber weiterhin das Leben der Frauen beeinträchtigt. Ein inhaltlicher Schwerpunkt der Unterstützungsfälle lag bei gerichtlichen Verfahren von Frauen, die sich gegen die Kindsväter und/oder Ex-Partner zu Wehr setzen, die z.T. häusliche Gewalt ausgeübt haben (straf- und familienrechtliche Verfahren) und dazu Gerichtsgebühren, Gutachten und Rechtsbeistände bezahlen müssen. Wir haben auch viele Frauen unterstützt, die nach gewaltvollen Eskalationen entweder ihre Wohnungen renovieren oder nach der Flucht ins Frauenhaus komplett neu einrichten mussten. Einige Frauen haben uns kontaktiert, um bei der kostenintensiven Ausbildung von Therapiehunden zu unterstützen, die ihnen das Leben mit Traumafolgestörungen aufgrund frauenfeindlicher Gewalt erleichtern können. Der Löwenanteil der Anfragen betrifft physische Gewalt, gefolgt von emotional-psychischer Gewalt und sexualisierter Gewalt, an vierter Stelle Sorgerechtsstreits. Größtenteils wurde die Gewalt durch (Ex-)Partner ausgeübt, bzw. durch Familienangehörige. In den meisten Fällen kommen mehrere Gründe und Kontexte zusammen.
Immer wieder haben wir die Frage diskutiert, wie den Antragstellerinnen, insbesondere wenn sie durch Beratungsstellen und Anwältinnen vertreten wurden im Kontakt, deutlich gemacht werden kann, dass die Lila Hilfe keine Stiftung, Wohltätigkeitsorganisation o.ä. ist, die aus einem riesigen Finanztopf lebt, sondern solidarisch über euch und uns als Mitglieder funktioniert. Wir alle sind selbst potentiell oder tatsächlich Betroffene und stehen mit der Lila Hilfe solidarisch füreinander ein.
Bundesweit solidarisch – Lila Helferinnen unterwegs
Auch in diesem Jahr waren wir wieder viel unterwegs und waren insgesamt bei 12 Veranstaltungen vor Ort. Viele davon waren Vorstellungsveranstaltungen, in denen wir wie gewohnt unsere Entstehungsgeschichte und Arbeitsweise vorstellen. Dieses Jahr haben wir vermehrt auch an Info-Tischen gestanden und sowohl Merch als auch Infos über uns und unsere Arbeit verbreitet. Zudem haben wir auch Redebeiträge am 8. März in Düsseldorf und zwei mal in Lübeck bei Solikonzerten gehalten. Wir sind einer Einladung zum Clara-Zetkin-Preis in Dortmund gefolgt, da wir für diesen als eine von 5 Organisationen bzw. Einzelpersonen nominiert waren – von über 200 Einreichungen! Leider haben wir nicht gewonnen, herzliche Glückwünsche an Women In Exile an dieser Stelle! Wir haben uns dennoch sehr gefreut, dass unsere Arbeit mit einer Nominierung für einen Preis gewürdigt wird, der einer so bedeutsamen und inspirierenden Feministin nachempfunden ist.
Wir konnten dieses Jahr auch auf mehreren Soli-Partys und -Konzerten in ganz Deutschland mit euch gemeinsam tanzen, gleichzeitig Geld sammeln und neue Freundschaften und Netzwerke aufbauen.
Solidarität innerhalb der Organisation aufbauen?
Im Verlauf des Jahres wurde zunehmend deutlicher, dass wir uns intern damit auseinandersetzen müssen, wie wir Organisierung, Aktivismus und politische Arbeit verstehen. Uns ist klar geworden, dass wir uns auch intensiv miteinander auseinandersetzen, eine solidarische Gemeinschaft schaffen wollen und die Lila Hilfe nicht nur als eine Dachorganisation für vereinzeltes, individualisiertes Ehrenamt sehen. Das bedeutet auch uns intern gegenseitig politisch weiterzubilden, immer auch mit dem Blick auf langfristige Ziele gerichtet und nicht nur auf die mechanische Abarbeitung der Unterstützungsfälle, wie es zeitweise im vergangenen Jahr, durch die enorme Zunahme an Anträgen, gelaufen ist. Wir denken, dass Feminismus und Solidarität Bereitschaft braucht, füreinander da zu sein und zeitweise auch individuelle Bedürfnisse hinter Gruppenansprüche zurückzustellen. Frei nach dem Motto “Annoyance is the price we pay for community” (Divya Venn).
Ausblick auf 2026 – Jede:r Einzelne von euch zählt!
Auch im nächsten Jahr werden wir wieder auf Veranstaltungen anzutreffen sein und uns und die Arbeit der Lila Hilfe vorstellen (tba). Es wird Solipartys in Bremen (07.03.) und Hamburg (tba) geben und wir sind wie letztes Jahr auf dem Maifest in Lübeck vertreten. Bleibt auf dem Laufenden indem ihr der Lila Hilfe auf Social Media folgt oder hier auf unserer Homepage unter dem Reiter „Veranstaltungen“ nachschaut.
Am 8.3. werden wir 3 Jahre alt. Das sind die drei ersten Jahre von hoffentlich vielen – es ist nicht absehbar dass es uns bald nicht mehr braucht, im Gegenteil. Damit die Lila Hilfe wachsen kann und weitermachen, braucht sie euer aller Beitrag in Form von neuen Mitgliedschaften, Spenden sammeln, Flyer verteilen, weitererzählen, und was euch alles so einfällt!
Wir haben auch dieses Jahr extrem viel geschafft und sind auch wiederholt an unseren eigenen Ansprüchen und uns selbst gescheitert. Auch das gehört zu einem feministischen Organisierungsprozess dazu. Umso entschlossener schauen wir in das neue Jahr. Auch dieses Jahr werden wir kämpfen, arbeiten, lachen, weinen und vor allem: anderen Frauen solidarisch zur Seite stehen.
Oder mit den Worten einer Rosa Luxemburg:
„So ist das Leben und so muss man es nehmen, tapfer, unverzagt und lächelnd – trotz alledem.“